Deutsche haben immer weniger freie Zeit und verbringen die meist am Handy und zu Hause. Das Leben ist schöner: eine inspirierende Anleitung für mehr Spaß in der Freizeit
Das größte Problem mit Smartphones ist, dass sie uns die ohnehin schon knappe freie Zeit fressen: Wie viel genau, verrät das Gerät selbst, wenn man in den Einstellungen nach der täglichen oder wöchentlichen Bildschirmzeit sucht. Nur entscheiden sich die wenigsten Menschen aktiv dafür, so viel Freizeit am Handy zu verbringen. Es passiert einfach so.
Das kann so aussehen: Sie wollten eigentlich nur kurz das Wetter fürs Wochenende checken und zwanzig Minuten später blicken Sie auf und wissen gar nicht mehr, warum Sie das Handy überhaupt in die Hand genommen haben.
Natürlich kann das Smartphone ein nötiges Mittel dafür sein, um seine Freizeit schön zu gestalten, etwa weil man den Weg zum Campingplatz nachschauen kann oder ein gutes Restaurant googelt. Spätestens, wenn man am Ziel angekommen ist, sollte das Gerät dann aber in der Tasche verschwinden – sonst kann man auch gleich zu Hause bleiben.
Die Autorin Catherine Price, die den Bestseller mit dem selbsterklärenden Titel How to break up with your phone geschrieben hat, empfiehlt etwa, einen "digitalen Sabbat" einzuführen, also eine handy- und computerfreie Zeit. Sie selbst legt mit ihrer Familie am Wochenende oft 24-stündige Smartphone-Pausen ein: "Ohne die Ablenkung durch Apps hatten wir auf einmal mehr freie Stunden zur Verfügung – Stunden, die wir für Dinge nutzen konnten, die uns wirklich Freude machten", schreibt die Autorin.
Anfängertipp: Auch wer das Smartphone einfach mal einen Nachmittag oder einen Abend lang zu Hause lässt, wird Effekte merken. Statt beim Schaukeln hinter dem Rücken des Kindes die Nachrichten zu scannen, lernen Sie möglicherweise andere Eltern kennen. Oder während die Abendbegleitung zur Toilette geht, unterhalten Sie sich mit dem Barbesitzer statt aufs Handy zu starren. Klingt gar nicht so schlecht, oder?
Die freie Zeit ist begrenzt, das zeigt der Bericht des Freizeit-Monitors ganz deutlich: Seit 2020 ist die Zeit, die durchschnittlich zur Entspannung bleibt, laut der Studie von 4,19 Stunden auf 3,55 Stunden am Tag zurückgegangen. Rentnerinnen und Rentner (4,54 Stunden pro Tag) haben dabei noch am meisten Freizeit, Eltern (3,00 Stunden) besonders wenig. Das ist nicht nur ein Durchschnittswert, sondern auch ein Trugschluss: Denn die meisten Menschen haben eben keine zwei Stunden am Stück frei, in denen sie in Ruhe einen Film gucken oder ein Buch zu Ende lesen. Oft zerfällt die Freizeit in das, was die Autorin Teresa Bücker als Zeitkonfetti beschreibt: Es sind hier mal fünf Minuten, bevor der Ballettunterricht der Tochter endet, oder eine Viertelstunde zwischen Büro und dem Netzwerk-Dinner am Abend. Deshalb sollte man realistisch sein: In 25 Fünf-Minuten-Einheiten kann man eben nicht für einen Halb-Marathon trainieren oder die Programmiersprache Python lernen.
Wer sich, zum Beispiel zu Beginn der Woche, bewusst macht, wie viel freie Zeit wirklich zur Verfügung steht, kann sich genauer überlegen, wie er oder sie diese Zeit nutzt. Dabei kann es helfen, sich die freie Zeit genau wie Arbeitstermine in den Kalender einzutragen.
Mit dem Eintrag in den Kalender sollten die Gemeinsamkeiten mit der Arbeitszeit aber auch schon aufhören. Denn Freizeit ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Arbeitszeit. Freie Zeit zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass niemand einem etwas vorschreibt. Anders als bei der Zeit mit der Familie (das Kind will Eis, der Kinderarzt muss impfen) oder der am Arbeitsplatz (der Kollege will Mittag essen, die Kundin eine "dringende Rückmeldung") gilt: In der Freizeit sind wir, tja, frei!
Den meisten Menschen scheint es jedoch schwer zu fallen, sich von Ambitionen frei zu machen. Studien zeigen, dass viele Menschen in ihrer Freizeit nicht weniger ehrgeizig sind als im Beruf. Menschen wollen möglichst viele Aktivitäten mit vielen Ergebnissen erledigen – und zwar in der Arbeitszeit genauso wie in der Freizeit. Zu dieser Erkenntnis kamen zwei amerikanische Wissenschaftlerinnen in einer Untersuchung zum Zeitmanagement.
Die Publizistin und Buddhistin Sylvia Wetzel nennt das "ungesunden Ehrgeiz". "Hinter Ehrgeiz steckt die Gier nach Ehre, nach Status, danach, geliebt und gesehen zu werden", sagt sie. Der ungesunde Ehrgeiz stehe im Gegensatz zu dem Wunsch, "etwas gut zu machen". Was man aber überhaupt aus eigenem Antrieb "gut machen" will, falle vielen schwer zu sagen. Um zu spüren, was tief innen nach Aufmerksamkeit verlangt, müsse man sich erst einmal wieder Raum schaffen, der nicht mit Aktivitäten verplant ist. Wetzel rät zu mehr "Mut zu Muße". Der Müßiggang, also einfach einmal nichts zu tun, könne ein Akt des Widerstands sein, sagt der Philosphieprofessor Alexander Prescott-Couch in einem Interview mit dem ZEIT MAGAZIN. "Viele Leute rennen ihren Karrieren hinterher, in ihrer Freizeit arbeiten sie hart an ihrem Körper und ihrer Bildung. Der Müßiggänger sagt: Ich mache da nicht mit. Das hat Charme."
Wer noch nicht mutig genug ist, einfach nichts in seiner Freizeit zu tun, der hat andere Optionen. Denn schon das "Lücken lassen zwischen Terminen und Aktivitäten" hat Studien zufolge große Auswirkungen auf den Genuss der Freizeit. Wenn Sie auch dazu neigen, die Stunden eines freien Nachmittags mit zu vielen Terminen überzustrapazieren (also erst zur Massage, dann zum Second-Hand-Laden, weil der nur so selten auf hat und später noch zwei Freunde, die sich gar nicht kennen, zum Eis treffen), können Sie davon ausgehen, dass im ein oder anderen Moment des Nachmittags Stress aufkommt.
"Man sieht ständig auf die Uhr und hat das Gefühl, dass man viel zu wenig Zeit hat, um das, was man gerade macht, zu genießen", erklärt Selin Malkoc, die Co-Autorin der Zeitmanagement-Studie. So hätten Versuche etwa gezeigt, dass Probanden eine Massage weniger genießen, wenn sie direkt danach noch eine Verabredung mit Freunden haben. Die Forscherinnen raten deshalb, nie zwei Freizeitaktivitäten direkt hintereinanderzuplanen. Die gute Nachricht: Schon kurze Pausen von fünf oder zehn Minuten lohnen sich, weil am Anfang einer Pause der Erholungseffekt am größten ist.
Viele Menschen behaupten von sich, dass ihnen Lesen oder ins Theater gehen Spaß mache. Das mag für manche stimmen. Es kann jedoch auch gut sein, dass es etwas ist, von dem man denkt, es sollte einem Spaß machen. Die Autorin Catherine Price, die nicht nur ein Buch über Handys, sondern auch über "echten" Spaß geschrieben hat, nennt diese Aktivitäten, die oftmals mit Konsum und Berieselung einhergehen (also Massage, Kino, Maniküre) "fake fun", falschen Spaß.
Echter Spaß dagegen sei, wenn man völlig im Moment aufgeht, die Zeit vergisst, sich gut und voller Energie fühlt. Als Wissenschaftlerin hat sie dafür drei Merkmale definiert: Spiel, Verbundenheit und Flow. Spiel beschreibt Price als den Zustand, etwas mit Leichtigkeit zu tun, ohne sich um das Ergebnis zu scheren. Verbundenheit entstünde mit anderen Menschen, egal ob bekannt oder fremd. Man könne sich aber auch mit der Natur oder dem eigenen Körper verbunden fühlen, schreibt sie in ihrem Buch. Der Begriff Flow stammt aus der Psychologie und beschreibt den Zustand, wenn man so sehr in einer Tätigkeit aufgeht, dass man darüber die Zeit vergisst. Ablenkung (zum Beispiel durch das Handy) verhindert diesen Zustand.
Für Price war das persönliche Spaß-Erweckungserlebnis der Gitarrenunterricht mit einer Gruppe von Unbekannten. Für andere kann dieses Gefühl beim Kartenspielen, Rodeln oder Trampolinspringen aufkommen.
Was echter Spaß bedeutet, ist sehr individuell. Um herauszufinden, was das ist, kann man sich die Frage stellen: Wann hatte ich das letzte Mal wirklich Spaß? Wenn Ihnen darauf nicht sofort eine Antwort einfällt, keine Sorge. Das ging der Autorin des Buches beim ersten Mal auch so. Das Schöne ist: Je mehr man darauf achtet, wann man Spaß hat, desto bewusster wird man sich solcher Situationen – und hat fast automatisch mehr Spaß.
Wenn Sie herausgefunden haben, in welchen Situationen und mit welchen Menschen Sie besonders häufig Spaß haben (also in Lachanfälle ausbrechen, ungewöhnliche Dinge tun, die Zeit vergessen), dann sorgen Sie dafür, dass Sie mit diesen Menschen mehr Zeit verbringen. Das müssen nicht immer die besten Freundinnen sein. Manchmal bringt vielleicht auch ein ganz bestimmter Kollege, der nette Kiosk-Verkäufer oder eine Gassi-Bekanntschaft mehr Spaß ins Leben. Das wiederum kann ein guter Hinweis darauf sein, welche Aktivitäten Sie in Ihrer freien Zeit priorisieren sollten. Den lustigen Kollegen können Sie schließlich auch außerhalb des Büros treffen.
Aber nicht nur Menschen können Spaßmagneten sein, das zeigt die Autorin Ingrid Fetell Lee. Wenn sie für ihr Buch Joyful mit Menschen über Spaß sprach, wurden bestimmte Dinge immer wieder genannt: Regenbogen, Lagerfeuer, Swimmingpools und Baumhäuser zum Beispiel. Auch Aktivitäten, die überproportional häufig genannt wurden, lassen sich identifizieren: Drachen steigen lassen, Paragliding, Camping oder Gärtnern. Für andere mag es das Tanzen oder Kochen sein. Finden Sie es für sich heraus – und tun Sie es, so oft Sie können. Und lassen Sie das Handy zu Hause.
Angenommen, alle sechs Punkte haben nicht geklappt. Sie liegen also jetzt gerade auf dem Massagestuhl, sind in Gedanken schon beim nächsten Treffen. Und eigentlich würden Sie nichts lieber tun, als kurz aufs Handy zu gucken, um zu sehen, ob die Freundin sie nicht vielleicht doch eine Viertelstunde später treffen könnte. Lassen Sie den Gedanken ans Handy los, an die Freundin auch (die wird schon auf Sie warten) – und freuen sich, dass Sie dort sind, wo sie nun eben mal sind: auf dem Massagestuhl. Und einmal tief durchatmen. Achtsamkeitsübungen sind gleichermaßen simpel und doch für die meisten Menschen gar nicht leicht. Wem es schwerfällt, sich auf den Atem zu konzentrieren, der kann sich stattdessen auf Geräusche fokussieren (die U-Bahn, die gerade vorbeifährt, das Kindergeschrei in der Ferne, die Vögel) oder die Augen öffnen (die Blätter, die den Blick auf den Himmel freigeben, das leicht getrocknete Gras, der Stoff der eigenen Jeans). Bei chronischen Schmerzen, Depressionen und Stress wirkt die Achtsamkeitsmeditation positiv, das ist wissenschaftlich gut belegt. In der Freizeit kann es zumindest ein Mittel sein, um den Moment – so kurz er auch sein mag – bewusster wahrzunehmen und zu genießen. Denn Achtsamkeit lässt sich prima in sehr kurzen Zeitkonfetti-Einheiten praktizieren.
weitere Informationen: https://www.zeit.de/arbeit/2023-09/freizeitgestaltung-aktivitaeten-alltag-spass?mj_campaign=nl_ref&mj_content=zeitde_text_link_x&mj_medium=nl&mj_source=int_zonaudev_Wof%C3%BCr%20leben%20wir%3F%C2%A0
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